Tastschärfe

Reinhold Engberding – Plastische Arbeiten, Malerei
Astrid Köppe – Emaillen, Zeichnung

11. April – 10. Mai 2008

Tastschärfe ist ein Maß für die Tastfähigkeit des menschlichen Fingers. Welchen Sinn macht dieser Begriff also als Titel für eine Ausstellung?
Mit eher ungewöhnlichen Materialien arbeiten die beiden in dieser Ausstellung vertretenen Künstler. Es sind Materialien, die jeweils eine ganz eigene haptische Qualität besitzen und den Betrachter auf sehr unterschiedliche Weise zum Berühren verführen.
Man kann - und darf! - die leichten Erhöhungen oder Vertiefungen der elementaren Formen auf den kühlen, blanken Oberflächen von Astrid Köppes großformatigen Emaillen mit den Fingern ertasten. Ebenso mag der Eine oder Andere das Bedürfnis haben, die glatten und doch warmen Schellackflächen zu berühren, mit denen Reinhold Engberding Bilder von jungen Männern schattenhaft auf Papier zeichnet. Oder man möchte die Stofflich- oder auch Körperlichkeit der zumeist in Gebrauch gewesenen Textilien prüfen, die der Künstler für seine plastischen Arbeiten benutzt.
Die Nähe zu unmittelbar Gesehenem bzw. Empfundenem sowie die Wahl ungewöhnlicher Materialien verbindet Reinhold Engberdings und Astrid Köppes Arbeiten. Auf diese Weise sind die Werke beider Künstler ganz unmittelbar sinnlich erfahrbar, suggestiv und spielen mit unseren Assoziationen. Sie sind verlockend, aber sie haben auch einen Seite von Fremdheit und Distanz.

„Is that my son?“ - so lautet der Titel einer Serie Schellackmalereien von Reinhold Engberding. Gezeigt sind junge Männer in meist sehr direkter, auf den Betrachter bezogener Pose, während die Malerei selbst, auf Hell-Dunkel-Werte reduziert, den Portraitierten eigentlich eher schattenhaft wiedergibt. Die Bilder sind Pornoseiten des Internets entnommen. Es sind anonyme Figuren, erotisch aufgeladen. Und sie kommen einem nah, fast zu nah, halten nicht die nötige Distanz ein. „Is that my son?“ – Titel wie Malerei setzen Gefühle und Assoziationen in Gang, die berühren, die Phantasien, Sehnsüchte oder auch Ängste anstoßen.
Seit 2006 arbeitet Engberding mit – zumeist getragenen – Kleidungsstücken. Jedes Kleidungsstück hat seinen Besitzer dicht am Körper begleitet, birgt eine Geschichte, die mehr oder weniger sichtbare Spuren hinterlassen hat. Jacketts, Westen, Hosen stülpt er um, stopft sie aus bestickt sie, hängt sie auf, näht sie zu Formationen zusammen. Durch die Materialität und Lebendigkeit der Form entsteht ein vielschichtiger Effekt, der anziehend, gleichzeitig aber auch befremdlich distanzierend wirkt.

Befremdlich wirken auch die eigentümlichen Formen, die Astrid Köppe auf Emaille oder Papier bannt. Meist beruhen auch sie auf Details aus dem Alltagsleben und dies spürt der Betrachter auch. Dennoch gelingt es nur selten, ein Vorbild konkret zu bestimmen. Die Motive stehen - oder besser schweben - kontextlos, reduziert auf ihren elementaren Kern in einem weißen, „leeren“ Raum. Will man diese Sonderlinge überhaupt auf ihren Ursprung zurückführen oder lässt man sie besser in ihrer eigenartigen, manchmal seltsam skurril anmutenden Sphäre?
Köppe arbeitet überlegt und konstruierend. Das ergibt sich allein schon aus der reduzierten Inszenierung der Motive. Dabei ist der Abstraktionsprozess unterschiedlich stark vorangetrieben. Doch gleichgültig, ob deutlich wird, auf welchen Gegenstand sich das gezeichnete Objekt beruft, die Einfachheit der Form, deren schlichte und doch spezifische Beschaffenheit schärft die Wachheit gegenüber dem Wesen der alltäglichen, oft geradezu banalen Dinge, gegenüber der Schönheit ihrer Einzelformen, ihrer Oberfläche, ihrer Konsistenz.
Die Materialität der Emaillen erinnert an alte Straßen- oder Werbeschilder. Doch haben diese den Sinn, eindeutige, allgemein verständliche Botschaften in Form von Piktogrammen, Schrift oder Symbolen zu vermitteln. Die Emaillen von Astrid Köppe konterkarieren genau dies. Sie kommen daher wie eindeutige Zeichen, bezeichnen aber nichts Greifbares. Während konventionelle Schilder auf etwas außerhalb ihrer selbst verweisen, verweisen Köppes „Schilderzeichen“ auf nichts als sich selbst.