MORITZ HASSE · JENS HANKE

songs on reflection

Malerei und Zeichnung
20. Oktober - 23. November 2012

Die beiden Berliner Künstler Jens Hanke und Moritz Hasse zeigen Arbeiten, die sich mit der Darstellung von Raum auseinandersetzen. Thematisch geht es in beiden Œuvres im weiteren Sinne um Landschaften, die in dieser Kombination aber kaum unterschiedlicher ausgeprägt sein könnten. Gezeigt werden Kohlezeichnungen von Jens Hanke und mit breitem Pinsel in satten Farben ausgeführte Gemälde von Moritz Hasse; die Reduktion auf ein monochromes Zusammenspiel von Fläche und Linie einerseits kontrastiert mit dem Schwelgen in verführerischen Farbwirkungen andererseits. Auch die Sujets sind diametral entgegengesetzt: Imaginäre Landschaften, die aus einer apokalyptischen inneren Weltsicht zu resultieren scheinen bzw. präzise geschilderte Abbilder realer Stadtansichten, die eher das Abseitige, Unbeobachtete aufgreifen. In beiden Fällen geht es um das Erleben und Verarbeiten von Eindrücken – um wiedergegebene und um intellektuell erarbeitete Reflektionen.

Jens Hanke zeigt Arbeiten aus seiner neuesten Serie „Island Me“, in denen er auf großformatigen, mit Knochenleim grundierten Papierbögen mit durchaus malerisch anmutenden Kohlezeichnungen einen komplexen, surrealen Kosmos entwickelt. Gemahnen einzelne Elemente an Details der uns bekannten Welt, etwa Abraumhalden oder Tagebaulöcher, so kontrastieren sie mit anderen, teils technisch wirkenden Elementen, unvermutet auftretenden Konstellationen, die bewusst undefinierbar bleiben. Weder die Größenrelation noch die Funktion einzelner Elemente erschließen sich in einem einheitlichen Bildganzen. Der Raum wirkt fragmentiert und splittert facettenhaft auf. Der Betrachter erscheint beinahe hilflos in einer ihm fremd bleibenden Welt ohne Möglichkeit zur Orientierung. Nicht einmal der eigene Standpunkt ist genau definiert. Dynamisch wird der Blick in unwägbare Tiefen geführt – eine optische Reise ins Unbekannte. Hinweise auf scheinbar Bekanntes werden dabei rasch ad absurdum geführt. Räumliche Erstreckungen verlaufen trotz aller suggestiven Bildhaftigkeit in Paradoxien aus. Aufgrund der unbelebt erscheinenden Landschaft ist das Individuum auf sich allein gestellt und wird auf seine eigenen Empfindungen zurückgeworfen – Island Me.

Moritz Hasse beschickt die Ausstellung mit Gemälden, die durch ihre grandiose Farbwirkung und einen souverän breiten Pinselduktus beeindrucken. Eine zeichnerische Grundauffassung liegt seinen Arbeiten bewusst nicht zugrunde, es geht um die scheinbar flüchtige Wiedergabe von Sinneseindrücken, die wie aus dem Augenwinkel wahrgenommen werden. Urbane Motive, die er in vielen Großstädten dieser Welt mit der Fotokamera aufgenommen hat, weisen den Gemälden ihren Titel zu. Trotz einer aus den breiten Pinselstrichen resultierenden "Unschärfe", die Hasses Malerei kennzeichnet, sind die Stimmungen prägnant und präzise geschildert. Der Betrachter erkennt instinktiv, in welcher Stadt ein Gemälde bzw. dessen fotografische Vorlage entstand. Das gleißende Licht von Rom kontrastiert mit der satten Farbigkeit einer Londoner Vorstadtstraße, Moskau verlangt eine andere Palette als Istanbul. Die Eindrücke der äußeren, realen Welt prägen die Darstellung, die gleichwohl auf magische Momente, auf besondere Lichtphänomene, auf dramatische Stimmungen abzuheben scheint und zuweilen an Standbilder aus Kinofilmen erinnert. Allein dies macht das emotionale Potenzial der Veduten anschaulich. Der Lebensraum europäischer Metropolen wird einer ebenso hoch ästhetisierten wie im Grunde profanen Betrachtung unterzogen und liefert zugleich ein Zeugnis subjektiver Weltsicht.

Der italienische Kunsttheoretiker der Renaissance, Giorgio Vasari, unterschied zwei Methoden in der Malerei seiner Gegenwart: disegno e colore – Zeichnung und Farbe. Beide gestalterischen Möglichkeiten werden von Jens Hanke und Moritz Hasse für die zeitgenössische Kunst mustergültig präsentiert. Antipodisch stehen ihre Arbeiten nebeneinander und verweisen doch auf künstlerisch gleichwertige, legitime Möglichkeiten der Weltaneignung und Reflektion.

Text: Dr. Martin Steffens, Berlin

Jens Hanke wurde 1966 in Eilenburg geboren und studierte bis 1990 Malerei und Grafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen sowie zweijährige Lehrtätigkeit am Columbia College Chicago.

Moritz Hasse, geboren 1972 in Bremen, studierte Freie Kunst an der Muthesius-Hochschule, Kiel und schloss sein Studium 1999 mit dem Meisterschüler an der Hochschule der Bildenden Künste Berlin ab. Neben zahlreichen Ausstellungen zweijährige Lehrtätigkeit an der Bauhaus-Universität Weimar.

Beide Künstler leben und arbeiten in Berlin.